Prolog · Der Montag, an dem es still wurde
Das Gerüst roch nach feuchtem Stahl und nassem Beton. Martin Keller stand auf dem zweiten Podest der Außentreppe und sah auf die Schweißnaht, die Jörg vor zwei Wochen für gut befunden hatte. Jetzt sah er, was Hollerbeck sehen würde.
Der Regen hatte über Nacht nachgelassen, aber die Pfützen auf den frischen Betonflächen des Neubaukomplexes in Ludwigsburg standen noch, leicht bräunlich, dort wo der Aushub noch nicht abgezogen war. Es war kurz nach acht, und die Luft roch nach dem Herbst: nass, nach verwittertem Holz vom Gerüstbohlen und nach dem Kühlschmierstoff, der ihm immer aus den Hemdsärmeln stieg, egal wie oft er wusch.
Die Schweißnaht war sauber. Das war das Problem. Sie war sauber und trotzdem falsch. Beim Verschleifen hatte jemand die Oberfläche übermäßig abgetragen, und jetzt sah man unter der silbern schimmernden Fläche eine Delle, kaum zwei Millimeter tief, aber eben eine Delle. Fünfzehn Geländerpfosten auf dieser Seite des Treppenhauses, alle aus korrosionsbeständigem Stahl V2A, alle lackiert und vom Beschichter wieder zurückgekommen, und jetzt saß er auf der zweiten Etage eines halb fertigen Mehrfamilienhauses und überlegte, was er Hollerbeck sagen würde.
Er hatte Hollerbeck für neun Uhr hierher bestellt. Eigentlich hatte er ihn zu sich bestellen wollen, in die Werkstatt nach Ludwigsburg, aber Hollerbeck kam nie in die Werkstatt. Hollerbeck ließ sich kommen.
Martin stieg die Treppe wieder hinunter. Im Erdgeschoss stand ein Bauleiter, den er nicht kannte, und trank Kaffee aus einer Thermoskanne. „Herr Keller?“, sagte der Bauleiter.
„Ich weiß“, sagte Martin.
Er setzte sich in seinen Passat, der auf dem Baustellenparkplatz stand, und schaute auf sein Telefon. Sieben neue Nachrichten, zwei davon von Nadine wegen offener Rechnungen, eine von Frank mit dem Betreff „Hollerbeck nächster Auftrag“, und dann schon drei von Nummern, die er nicht speichert, weil er weiß, dass er sie dann anrufen würde.
Er schrieb Frank: „Erst abwarten.“
Um Viertel vor neun rollte Hollerbecks schwarzer SUV auf den Parkplatz. Er stieg aus, ohne die Tür zu schließen, wie immer, als ob jemand anderes das erledigen würde, und kam auf Martin zu. Ralf Hollerbeck war 56, breit, trug eine Jacke, die zu Messen und zu Baustellen passte, und hatte die Angewohnheit, Männer anzusehen, als würde er den Handschlag bereits proben.
„Keller.“
„Ralf.“